Sonntag, 12. Februar 2012

AOK-Versorgungsreport spricht "übliche Verdächtige" frei
Senioren sind nicht die Kostentreiber der Krankenkassen

"Freispruch" für die "üblichen Verdächtigen" für steigende Kosten der gesetzlichen Krankenkassen

Foto: AOK-Bilderservice | Bearbeitung: Norbert Maas

Auf der Suche nach "Sündenböcken" für die aus dem Ruder laufenden Kosten der gesetzlichen Krankenkassen gehören die alten Menschen traditionell zu den "üblichen Verdächtigen". Zu Unrecht, fanden jetzt die Forscher des Wissenschaftlichen Instituts der AOK heraus.

Der demografische Wandel belastet die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) weit weniger als vielfach angenommen woird. Das geht aus dem Versorgungs-Report 2012 der AOK hervor. Politiker erklären die steigenden Kosten in der gesetzlichen Krankenversicher gern mit dem steigenden Alter der Versicherten.

Nach den neuen AOK-Berechnungen lassen die Senioren die Gesundheitskosten allerdings lediglich um 0,4 Prozent pro Jahr steigen. Das aktuelle Ausgabenplus der Kassen liegt aber im Schnitt bei jährlich 3,7 Prozent.

Nach Berechnungen des Gesundheitsökonomen Prof. Stefan Felder von der Universität Basel steigen die GKV-Ausgaben aufgrund des zunehmenden Anteils Älterer an der Bevölkerung bis 2050 um 19 Prozent. Das entspricht einem Ausgabenplus von 0,4 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Zwischen 2005 und 2009 sind die Ausgaben der GKV im Jahresmittel um 3,7 Prozent gestiegen. Felders Berechnungen für den Versorgungs-Report 2012 haben ergeben, dass die steigende Lebenserwartung zwar durchaus höhere Ausgaben nach sich zieht, aber bei weitem nicht im Ausmaß einer "Kostenexplosion".

Dem liegt die Beobachtung zugrunde, dass die Behandlungskosten vor dem Tod eines Menschen besonders hoch sind - unabhängig davon, ob er mit 70, 80 oder 90 Jahren stirbt. Der Gesundheitsökonom ist zudem der Überzeugung, dass der medizinische Fortschritt deutlich mehr Einfluss auf die Gesundheitsausgaben haben wird als die Alterung.

"Die Daten zeigen, dass wir die finanziellen Auswirkungen der erfreulich längeren Lebenserwartung der Menschen in den Griff bekommen können", sagt Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes.

   Behandlungskonzepte auf Bedarf Älterer umstellen   

Der demografische Wandel dürfe nicht länger als Argument für die ständige Forderung nach mehr Geld und neuen Leistungen herhalten, betonte Deh. "Die Analysen des Versorgungs-Reports zeigen, dass das deutsche Gesundheitswesen sehr wohl in der Lage wäre, die Versorgung alter und hochbetagter Menschen auch künftig zu leisten. Das Problem ist vielmehr, dass das dazu nötige Umdenken, was Strukturen und Behandlungskonzepte anbelangt, vielfach noch nicht erfolgt ist."

Es gebe zahlreiche Potenziale zur Verbesserung der Versorgung, so Deh: "Wir brauchen zum Beispiel eine altersgerechte Arzneimitteltherapie. Nach Berechnungen für den Versorgungs-Report erhalten derzeit vier Millionen ältere Menschen in Deutschland problematische Medikamente. Fünf Millionen sind Gefahren durch das gleichzeitige Einnehmen verschiedener Arzneimittel ausgesetzt. Es gibt erfolgreiche Präventionsprojekte, zum Beispiel die von der AOK unterstützten Modelle zur Sturzprophylaxe. Sie gilt es auszuweiten. Wir brauchen dringend neue Pflegekonzepte und müssen gezielt moderne Technologien zur Unterstützung älterer Menschen nutzen. Vor allem aber brauchen wir eine deutlich bessere altersmedizinische Qualifizierung der bestehenden Fachdisziplinen in allen Versorgungsbereichen."

   "Das Problem steckt in den Köpfen"   

"Das Kosten-Problem steckt in den Köpfen. Wir haben kein Demografie-, sondern ein Strukturproblem", sagte der AOK-Vorstand. "Die für 2012 prognostizierten Ausgabensteigerungen der Krankenkassen von mehr als vier Prozent beruhen ja nur zu einem Zehntel auf der Altersentwicklung." Als eigentliches Problem der GKV bezeichnete es der AOK-Vorstand, "dass die Ausgaben der Krankenkassen für Ärzte, Krankenhäuser und Medikamente seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit stärker steigen als die Einnahmen". 

Auf die strukturellen Ursachen, wie die nach wie vor starke Abgrenzung zwischen den einzelnen Versorgungsbereichen müsse die Politik eine Antwort finden. Das geplante Versorgungsstrukturgesetz stoppe diese Entwicklung leider nicht, sondern verstärke sie noch.

jos

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