Sonntag, 11. Dezember 2011

Politiker starten Versuchsballon in der BILD
Weitere schmerzhafte Griffe in die Patientenbörsen geplant
Erhöhungen der Praxisgebühren werden als "Reform" getarnt

Ist der Zehner pro Quartal schon bald
"patientenfreundliche" Vergangenheit?

Foto: Barmer GEK
Wenn im deutschen Gesundheitswesen von "Reform" die Rede ist, dann hat das meist nichts Gutes zu bedeuten - für die Patienten. Eine neuerdings von der schwarz-gelben Regierungskoalition angedeutete, dann erst mal wieder dementierte "Reform" der Praxisgebühr macht da keine Ausnahme. Arztbesuche werden wohl nach dieser "Reform" noch teurer werden - besonders hart treffen dürfte es die chronisch kranken Menschen.
Ausgerechnet über die BILD-Zeitung wurden die Gerüchte über die "Reform" gezielt verbreitet, mit der die schwarz-gelben Politiker offensichtlich die Kranken endlich wirksamer als bisher von Arztkonsultationen abhalten will. Angeblich, so ist zu hören, haben die bisherigen zehn EURO Praxisgebühr pro Quartal die Kranken nicht daran gehindert, zum Arzt zu gehen, wenn sie einen Arzt brauchen.

Im Gespräch sei eine Kontaktpauschale von fünf Euro, die die jetzige Quartalsgebühr von zehn Euro ersetzen könnte.

Der FDP-Gesundheitspolitiker Lars Lindemann sagte der BILD-Zeitung: "Wir werden Alternativen prüfen." Die jetzige Gebühr habe keinerlei steuernde Wirkung.

Lindemanns Koalitionskollege Johannes Singhammer von der CSU sagte dem Blatt, dass man eine "unbürokratischere, bessere Lösung finden" wolle. "Der Effekt, die Zahl der Arztbesuche zu dämpfen, ist mit der jetzigen Gebühr nicht erreicht worden."

Hinter verschlossenen Türen wird offenbar über eine "Kontaktgebühr" in Höhe von fünf EURO nachgedacht, die dann bei jedem Arztbesuch zu entrichten wäre an Stelle der derzeitigen vierteljährlichen 10-EURO-Praxisgebühr.

Der Essener Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem unterstützt die Überlegungen. "Fünf Euro pro Besuch macht mehr Sinn als die jetzige Gebühr", sagte er der Zeitung.

Der Kieler Gesundheitsökonom Dr. Thomas Drabinski ging sogar noch weiter und schlug eine Beteiligung der Patienten von zehn Prozent an den Behandlungskosten vor - mit einer Obergrenze von zehn Euro.

Auf den BILD-Bericht vom Sonnabend folgte ein halbherziges Dementi aus dem Gesundheitsministerium. Die Online-Ausgabe der "Ärzte Zeitung" berichtete am Wochendende, ein Sprecher von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) habe erklärt, dass die Überlegungen nicht aus dem Ministerium stammen.

Die Äußerungen der Regierungsparteien zum Thema sind ausgesprochen widersprüchlich Jüngst noch erklärte der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn: "Ich bin dafür, dass wir uns das Thema Praxisgebühr noch in dieser Legislaturperiode vornehmen."

Die Gebühr erfülle nicht ihre erwartete Steuerungswirkung, monierte er in der Wochenzeitung "Das Parlament". Gesundheitsexperten warnten allerdings davor, eine Praxisgebühr bei jedem Arztbesuch zu erheben. Damit treffe man vor allem chronisch kranke Patienten.

jos

chronischLEBEN-Kommentar:
Politiker-Dreh an der Preisschraube
bis die Kranken endlich krank zu Hause bleiben?


Noch ist nichts beschlossen - aber das "laute Nachdenken" in der BILD darf getrost nicht nur als "Versuchsballon", sondern auch als handfeste Drohung verstanden werden. Zehn EURO Praxisgebühr pro Quartal - das ist bereits jetzt eine Zumutung vor allem für chronisch kranke Menschen, die schicksalsbedingt auf die regelmäßige Konsultation von Ärzten angewiesen sind. Je nach Modellrechnung könnte sich das bereits im kommenden Jahr auf mindestens 15 EURO pro Quartal erhöhen - unter Umständen sogar auf ein Vielfaches.

Die Folgen für Menschen mit knappem Einkommen wären katastrophal: Sie könnten sich die Untersuchung und Behandlung durch einen Arzt nicht mehr leisten. Die längst praktizierte Zwei-Klassen-Medizin würde weiter verschärft. Ohne jede Polemik muss angenommen werden, dass nur noch wohlhabende Menschen sich Krankheit und angemessene Behandlung leisten können. Der Rest soll sehen, wo er bleibt.

Die bereits jetzt geltende Härteklausel löst das Problem nicht wirklich: Im allgemeinen gilt eine Höchstgrenze von zwei Prozent des Bruttojahreseinkommens für Zuzahlungen (zu denen die Praxisgebühr zählt. Wer als chronisch Kranker anerkannt ist, muss "nur" ein Prozent seines Jahreseinkommens zuzahlen. Zumindest bei Nicht-Chronikern häufen sich da schon gewaltige Summen an Zuzahlungen an.

Wirklich menschenverachtend ist aber vor allem die Absicht der Praxisgebühr: Die Politiker erklären - anscheinend ohne jegliches Anstandsgefühl, dass sie mit den Gebühren kranke Menschen vom Arztbesuch abhalten wollen - und offenbar gewillt sind, die Preisschraube so lange anzuziehen bis die Kranken endlich unbehandelt zu Hause bleiben.

Schlimm, wenn die Erhöhung der Praxisgebühr kommt. Am schlimmsten wäre es aber, wenn die Politik ihr Ziel erreichen würde, mit weiter erhöhtem Preisdruck Menschen von den ihnen zustehenden Arztbesuchen abzuhalten.

Norbert Jos Maas


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