Sonntag, 9. Oktober 2011

Abrücken von der eigentlich bevorzugten Widerspruchslösung
Transplantationsmediziner unterstützen jetzt auch
eine Entscheidungslösung im neuen Organspenderecht

In der laufenden Diskussion über die geplante Neuregelung des Organspenderechts haben sich jetzt noch einmal die Transplantationsmediziner zu Wort gemeldet. Nachdem die Spezialisten ursprünglich für die Widerspruchslösung gestimmt hatten, bezeichnete jetzt der Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG), Wolf Bechstein, die unter anderem auch fraktionsübergreifend von Bundestagsabgeordneten bevorzugte Entscheidungslösung als einen "Meilenstein".

Die Entscheidungslösung sieht vor, dass jeder Bürger sich mindestens einmal in seinem Leben für oder gegen eine Organspende entscheidet. Diese Befragung müsse „aktiv und möglichst früh“ geschehen, forderte Bechstein auf der DTG-Jahrestagung in Regensburg.

Dies könne idealerweise bei der geplanten Herausgabe einer neuen Gesundheitskarte geschehen. Die Koordination der Befragung sei bei den Krankenkassen „sehr gut aufgehoben“, sagte Bechstein. Eine EU-Richtlinie zwingt die Bundesrepublik, das Transplantationsgesetz bis zum Jahr 2012 zu novellieren.

Die DTG wies in diesem Zusammenhang noch einmal darauf hin, dass es viel zu wenige Organspender in Deutschland gebe. Pro Jahr würden in der Bundesrepublik rund 1.300 Spender gezählt. Demgegenüber hätten zu Jahresbeginn mehr als 11.500 Patienten in Deutschland auf eine Organtransplantation gewartet.

Ursprünglich hatten die Fachmediziner für Deutschland eine Widerspruchslösung nach dem Vorbild von Ländern wie Österreich oder Spanien gefordert. Dieses Modell sähe vor, dass jedermann nach dem ärztlich festgestellten Hirntod als Organspender gelten kann, solange er nicht ausdrücklich widersprochen hat.

DTG-Tagungspräsident Hans-Jürgen Schlitt nannte die Widerspruchslösung die „einfachste und sinnvollste“ Variante. In Europa verzeichneten Länder mit einer solchen Regelung die höchsten Organspenderaten. Die Medizin hätte aber eingesehen, dass es für die Widerspruchslösung in der Bundesrepublik derzeit keinen Konsens gebe, räumte Schlitt ein.

Wie das Deutsche Ärzteblatt berichtete schlagen die Transplantationsmediziner außerdem vor, Ärzte zusätzlich zu honorieren, wenn sie Patienten gezielt in Organspendefragen beraten, um die Zahl der Organspenden in Deutschland weiter zu erhöhen. DTG-Präsident Beckstein plädierte in diesem Zusammenhang für die Einführung einer „gesonderten Gebührenziffer“ für solche Transplantations-Beratungen.

In der Politik zeichnet sich derweil eine breite Zustimmung zur Entscheidungslösung an Der Vorsitzende der SPD im Bundestag, Frank-Walter Steinmeier, bekräftige seine Erwartung, dass ein Gruppenantrag zur Entscheidungslösung eine breite Mehrheit quer durch alle Fraktionen bekommen würde.

Die katholische Kirche übt sich in kritischer Distanz. Die Bischöfe warnten vor "zu großem moralischen Druck".

Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger, Mitglied des Ethikrates, sagte bei einer Pressekonferenz während der Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda, die Information der Bürger über dieses Thema müsse „sensibel und kompetent“ erfolgen.

Auch er sprach sich auch für organisatorische Verbesserungen in den Kliniken aus, denn derzeit beteiligten sich weniger als die Hälfte an der Mitteilung potenzieller Organspender. Losinger schlug einen Transplantionsbeauftragten in jeder Klinik vor.

Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart Gebhard Fürst, Vorsitzender der Kommission Bioethik der Bischofskonferenz, warnte davor, moralischen Druck auf mögliche Spender auszuüben. Zudem mahnte er zu Sensibilität. „Es geht um einen toten Menschen, nicht ein zur Verfügung gestelltes Ersatzteillager.“

jos / Quelle: Deutsches Ärzteblatt














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