Mittwoch, 23. Mai 2012

Patientenrechtgesetz der Regierungskoalition in der Kritik
"Patienten bleiben nach wie vor in unmündiger Position"

Das neue Patientenrechtegesetz, das heute von der Regierungskoalition in Berlin verabschiedet wurde, wird nicht nur von der politischen Opposition im Bundestag scharf kritisiert. Während der SPD -Gesundheitsexperte Karl Lauterbach den Gesetzentwurf als "völlig Inhaltlos" bezeichnete, kritisierte der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Prof. Rolf Rosenbrock, das neue Gesetz Lasse die Patienten "nach wie vor in einer unmündigen Position".

Als enttäuschend kritisiert der Paritätische Wohlfahrtsverband insgesamt den heute im Kabinett verabschiedeten Entwurf für ein Patientenrechtegesetz. Nach jahrelangen Debatten sei es zwar zu begrüßen, dass endlich ein Patientenrechtegesetz auf den Weg gebracht werde. Die aktuellen Vorschläge der Regierung blieben jedoch weit hinter den Erwartungen der Patienten und teilweise sogar noch hinter der geltenden Rechtsprechung zurück.

Zentrale Themen wie etwa der Zugang für Menschen mit Behinderung oder die Überwindung von Sprachbarrieren bei Migranten blieben völlig außen vor.

   Immer noch keine Kommunikation auf Augenhöhe"   

"Dieses Gesetz schafft Transparenz und Verbindlichkeit, aber noch immer keine Kommunikation auf Augenhöhe", kritisiert Verbandsvorsitzender Prof. Rolf Rosenbrock. Als konkrete Beispiele nennt der Leiter der Forschungsgruppe "Public Health" im Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB) unter anderem die Frage der Kommunikation mit Menschen ohne Deutschkenntnisse, die Frage der Beweislast beim Kunstfehler oder die notwendige Beratung bei zusätzlichen Leistungen, die der Patient selbst zu zahlen hat.

   "IGeL-Geschacher und geldgetriebenes Spiel mit Angst und Schmerz"   

Rosenbrock, der seit Ende April Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist, wörtlich: "Nach wie vor bleibt der Patient in einer unmündigen Position. Insbesondere wird dem Geschacher mit so genannten IGeL-Leistungen kein ausreichender Einhalt geboten. Der Patient bleibt dem geldgetriebenen Spiel mit Angst, Schmerz und Leid auch nach diesem Gesetz ausgeliefert".

Besonders zu kritisieren sei darüber hinaus der Verzicht auf die Einrichtung eines Härtefallfonds für Geschädigte durch Behandlungsfehler. "Jeder Geschädigte muss es als Hohn empfinden, wenn der Gesundheitsminister auf den erheblichen Aufwand eines solchen Fonds verweist. Auch hier werden die Betroffenen in ihrer Not allein gelassen", so Rosenbrock.

"Vom Leitbild des mündigen Patienten und dem vertrauensvollen Arzt-Patient-Verhältnis ist dieser Gesetzentwurf noch denkbar weit entfernt", resümiert Rosenbrock. Der Verband fordert und erwartet daher deutliche Nachbesserungen im weiteren parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bezeichnete den Gesetzentwurf als ledigliche Bündelung bereits vorhandener Regelungen, kritisierte Lauterbach. Ein paar Paragrafen umzustellen, mache noch lange kein Gesetz. Es bestehe zudem die Gefahr, dass vorhandene Missstände manifestiert würden.

   "Chance auf schnelle und unbürokratische Hilfe für Patienten versäumt"   

Lauterbach bemängelte im Interview mit der Nachrichtenagentur dapd, dass versäumt worden sei, einen Fonds einzurichten, der Betroffenen schnell und unbürokratisch helfe. Ärzte wären dadurch auch eher bereit gewesen, Fehler einzugestehen, sagte er. Zudem hätte es "bei schweren Fällen eine Beweisumkehr zugunsten der Patienten geben müssen".

Von dem jetzigen Gesetz habe weder Arzt noch Patient etwas. Lauterbach kündigte an, die SPD werde so schnell wie möglich "ein richtiges Patientenrechtegesetz" schaffen, wenn sie in Regierungsverantwortung komme.

Der Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Hardy Müller, kritisierte, dass die Bundesregierung auf einen Fonds verzichten wolle, aus dem Opfer von Ärztefehlern entschädigt werden könnten.

Über den Gesetzentwurf hinaus müssten aber "auch Schlüsse aus gemeldeten Fehlern" gezogen werden, forderte Müller. Finanziert und geplant werden müssten Schulungen für die richtige Desinfektion der Hände beim medizinischen Personal, Broschüren für die angemessene Reaktion auf einen unerwarteten Zwischenfall - und andere relativ einfache, aber wirksame Schritte zum Schutz der Patienten.

"Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem Ärzte über Fehler berichten, ohne Angst haben zu müssen", forderte Müller.

jos

Dienstag, 21. Februar 2012

CDU-Gesundheitssprecher Spahn plant Zwangsvorsorge für Chroniker
Höhere Zuzahlungen für vorsorgeunwillige Chroniker

Hinter Gitter sollen Chroniker nicht
gleich - aber 
mit empfindlichen Strafen hätten
mündige chronisch 
kranke Patienten nach
dem Willen des CDU-Experten Spahn

schon zu rechnen.
Chronisch Kranke sollen finanziell bestraft werden, wenn sie Vorsorgeuntersuchungen nicht regelmäßig in Anspruch genommen haben. Das fordert der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn im Vorfeld des Deutschen Krebskongresses

Der CDU- Bundestagsabgeordneten kündigte an, dass noch in diesem Jahr flächendeckende klinische Krebsregister und ein Einladungswesen für bestimmte Vorsorgeuntersuchungen auf den Weg gebracht werden sollen.

Spahn erläuterte, eine bereits bestehende Regelung zu Vorsorgeuntersuchungen etwa gegen Krebs solle verstärkt umgesetzt werden. Mit den Strafen für chronisch Kranke will Spahn deren Gang zur Vorsorge erzwingen. Als Strafe fur die Chroniker, die, aus welchen Gründen auch immer, der Vorladung zur Vorsorgr nicht folgen wollen, stellt sich der CDU-Mann "eine Erhöhing der Belastungsgrenze, bis zu der Zuzahlungen gezahlt werden müssen", vor

"Die Kassen müssen das umsetzen", forderte Spahn.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte der "Bild"-Zeitung in diesem Zusammenhang: "Nach dem Screening bei Brustkrebs wollen wir nun Ähnliches bei Darmkrebs und Gebärmutterhalskrebs erreichen. Die bestehenden Angebote müssen noch wirksamer und sicherer werden."

Denkbar sei ein Einladungsverfahren wie beim Brustkrebs. "Wir müssen nicht nur die Menschen erreichen, die zum Arzt gehen, sondern auch die anderen, die Gesunden."

   Zahl der Krebs-Neuerkrankungen steigt   

Immer mehr Menschen erkranken an Krebs. Binnen zwölf Jahren ist die Zahl der Neuerkrankungen um rund 100.000 gestiegen. Das Robert Koch-Institut (RKI) rechnet für das laufende Jahr mit 490.000 Neuerkrankungen.

Hauptgrund: Die Zahl der älteren Menschen, bei denen Krebs zumeist auftritt, wächst. Hinzu kommt ein erwarteter Anstieg der entdeckten Brustkrebsfälle in der ersten Phase des Mammographie-Screening-Programms.

Brustkrebs macht bei den Frauen etwa ein Drittel aller Fälle aus, bei den Männern ist Prostatakrebs mit einem Anteil von etwa 25 Prozent weiter die häufigste Krebsart. Hochgerechnet auf 2012 leben in Deutschland etwa 1,4 Millionen Menschen, bei denen die Diagnose Krebs in den vergangenen fünf Jahren gestellt wurde.

jos

chronischLEBEN-Kommentar:
Vorsorge - frisch vom Spahn-Stammtisch

Stammtischpolitik ist die Spezialität des Gesundheits-"Experten" der Christlich Demokratischen Union, Jens Spahn. Immer wieder gelingt es ihm, sich mit markigen Sprüchen und verwegenen Ideen in die Schlagzeilen nicht nur der Boulevard-Medien zu drängen.
Unvergessen der Widerstand des konservativ-katholischen 31jährigen Absolventen eines bischöflichen Kollegs im tiefschwarzen westfälischen Ahaus gegen eine geplante Rentenerhöhung im Jahr 2008.


Kürzlich nörgelte gelente Bankkaufmann und Verwaltungsrat einer Sparkasse dann daran herum, dass die Deutschen viel zu oft zum Arzt gehen. Er drohte unverholen mit einer "Reform" der Praxisgebühr - gemeint war natürlich eine Verschärfing, die dafür sorgt, dass die Kranken gefälligst still vor sich hin zu leiden haben, aber um Spahns willen nicht gleich zum Arzt laufen.


Jetzt wollen Spahn, der von vielen als Lobbyist der Pharmaindustrie gesehen wird, und die CDU, deren gesundheitspolitischer Sprecher der junge Karrierist ist, sich die chronisch kranken Menschen zur Brust nehmem. Die sollen zu ihrem vorgebliche Vorsorge-Glück gezwungen werden. Chroniker, die einer geplanten Vorladung zur Krebsvorsorge nicht Folge leisten - sollen zwar nicht zwangsweise und im Handschellen beim Vorsorger vorgefuhrt, aber doch empfindlich bestraft werden.


Das ist doch mal wieder ein echter Spahn von jungem Schrot und Steinhäger (ach ne, Korn heißt das wohl).


Dass medizonisch die gut gemeinte Krebsvorsorge längst auf dem wissenschaftlich-kritischen Prüfstand steht, interessiert den nassforschen Spahn nicht im Geringsten. Erst kürzlich wurde bekannt, dass das hochgepriesene Mammographie-Screening nicht das leistet, was es soll, sondern sowohl jede Menge Krebserkrankungen todbringend schlicht übersieht und andererseits viel zu oft angsterregenden falschen Alarm schlägt.


Nicht akzeptabel ist aber vor allem die von Spahn und seiner CDU geplante Entmundigung chronisch kranker Menschen.


In der Spahn-"Logik" müssten dann wohl demnächst auch Raucher und Alkohol trinkende Menschen mit drastischen Strafen rechnen. Die sind ja auch nicht selten krankheitsbedingt ein besonderes Kostenrisiko.  


Da wäre doch dann auch das uralte chinesische Gesundheitssystem eine Uberlegung wert: Die Ärzte bekommen nur Geld, solange ihre potentiellen Patienten gesund bleiben.


Wenn schon, denn. schon, Herr Spahn


Norbert Jos Maas


Sonntag, 12. Februar 2012

AOK-Versorgungsreport spricht "übliche Verdächtige" frei
Senioren sind nicht die Kostentreiber der Krankenkassen

"Freispruch" für die "üblichen Verdächtigen" für steigende Kosten der gesetzlichen Krankenkassen

Foto: AOK-Bilderservice | Bearbeitung: Norbert Maas

Auf der Suche nach "Sündenböcken" für die aus dem Ruder laufenden Kosten der gesetzlichen Krankenkassen gehören die alten Menschen traditionell zu den "üblichen Verdächtigen". Zu Unrecht, fanden jetzt die Forscher des Wissenschaftlichen Instituts der AOK heraus.

Der demografische Wandel belastet die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) weit weniger als vielfach angenommen woird. Das geht aus dem Versorgungs-Report 2012 der AOK hervor. Politiker erklären die steigenden Kosten in der gesetzlichen Krankenversicher gern mit dem steigenden Alter der Versicherten.

Nach den neuen AOK-Berechnungen lassen die Senioren die Gesundheitskosten allerdings lediglich um 0,4 Prozent pro Jahr steigen. Das aktuelle Ausgabenplus der Kassen liegt aber im Schnitt bei jährlich 3,7 Prozent.

Nach Berechnungen des Gesundheitsökonomen Prof. Stefan Felder von der Universität Basel steigen die GKV-Ausgaben aufgrund des zunehmenden Anteils Älterer an der Bevölkerung bis 2050 um 19 Prozent. Das entspricht einem Ausgabenplus von 0,4 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Zwischen 2005 und 2009 sind die Ausgaben der GKV im Jahresmittel um 3,7 Prozent gestiegen. Felders Berechnungen für den Versorgungs-Report 2012 haben ergeben, dass die steigende Lebenserwartung zwar durchaus höhere Ausgaben nach sich zieht, aber bei weitem nicht im Ausmaß einer "Kostenexplosion".

Dem liegt die Beobachtung zugrunde, dass die Behandlungskosten vor dem Tod eines Menschen besonders hoch sind - unabhängig davon, ob er mit 70, 80 oder 90 Jahren stirbt. Der Gesundheitsökonom ist zudem der Überzeugung, dass der medizinische Fortschritt deutlich mehr Einfluss auf die Gesundheitsausgaben haben wird als die Alterung.

"Die Daten zeigen, dass wir die finanziellen Auswirkungen der erfreulich längeren Lebenserwartung der Menschen in den Griff bekommen können", sagt Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes.

   Behandlungskonzepte auf Bedarf Älterer umstellen   

Der demografische Wandel dürfe nicht länger als Argument für die ständige Forderung nach mehr Geld und neuen Leistungen herhalten, betonte Deh. "Die Analysen des Versorgungs-Reports zeigen, dass das deutsche Gesundheitswesen sehr wohl in der Lage wäre, die Versorgung alter und hochbetagter Menschen auch künftig zu leisten. Das Problem ist vielmehr, dass das dazu nötige Umdenken, was Strukturen und Behandlungskonzepte anbelangt, vielfach noch nicht erfolgt ist."

Es gebe zahlreiche Potenziale zur Verbesserung der Versorgung, so Deh: "Wir brauchen zum Beispiel eine altersgerechte Arzneimitteltherapie. Nach Berechnungen für den Versorgungs-Report erhalten derzeit vier Millionen ältere Menschen in Deutschland problematische Medikamente. Fünf Millionen sind Gefahren durch das gleichzeitige Einnehmen verschiedener Arzneimittel ausgesetzt. Es gibt erfolgreiche Präventionsprojekte, zum Beispiel die von der AOK unterstützten Modelle zur Sturzprophylaxe. Sie gilt es auszuweiten. Wir brauchen dringend neue Pflegekonzepte und müssen gezielt moderne Technologien zur Unterstützung älterer Menschen nutzen. Vor allem aber brauchen wir eine deutlich bessere altersmedizinische Qualifizierung der bestehenden Fachdisziplinen in allen Versorgungsbereichen."

   "Das Problem steckt in den Köpfen"   

"Das Kosten-Problem steckt in den Köpfen. Wir haben kein Demografie-, sondern ein Strukturproblem", sagte der AOK-Vorstand. "Die für 2012 prognostizierten Ausgabensteigerungen der Krankenkassen von mehr als vier Prozent beruhen ja nur zu einem Zehntel auf der Altersentwicklung." Als eigentliches Problem der GKV bezeichnete es der AOK-Vorstand, "dass die Ausgaben der Krankenkassen für Ärzte, Krankenhäuser und Medikamente seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit stärker steigen als die Einnahmen". 

Auf die strukturellen Ursachen, wie die nach wie vor starke Abgrenzung zwischen den einzelnen Versorgungsbereichen müsse die Politik eine Antwort finden. Das geplante Versorgungsstrukturgesetz stoppe diese Entwicklung leider nicht, sondern verstärke sie noch.

jos

Montag, 2. Januar 2012

Barmer-Chef Christoph Straub: "Ökonomischen Druck nutzen"
"Es geht nicht um eine Schließung von Kliniken,
sondern um mehr ambulante Versorgungsangebote an Kliniken"

Diese Klinik ist schon seit 1994 geschlossen: Blick in die
alte Chirurgie 
der Beelitz-Heilstätten (bis 1994 größtes 
sowjetisches Militärkrankenhaus außerhalb der Sowjetunion)
Für mehr ambulante Behandlung von Patienten sowie kürzere Aufenthalte in Krankenhäusern hat sich der Vorstandsvorsitzende der Krankenkasse Barmer GEK, Christoph Straub in der heutigen Ausgabe der Tageszeitung "Die Welt" ausgesprochen. Straub wehrte sich in einer späteren Presseerklärung allerdings gegen die Interpretation der "Welt", er habe sich für eine Schließung von Krankenhäusern ausgesprochen. Straub betonte, es gehe ihm nicht um die Schließung von Kliniken,  "sondern um mehr ambulante Versorgungsangebote an Kliniken."

Dienstag, 13. Dezember 2011

Ärztefunktionäre zur Diskussion um die Praxisgebühr
Mediziner für weitere Mehrbelastung der Patienten

Demnächst bei jedem Arztbesuch fünf oder sogar zehn EURO zahlen?
Die "Reform" der bisherigen Praxisgebühr mit Vorschlägen, die bis zur Zahlung von 5 bis 10 EURP bei jedem Arztbesuch reichen, wird weiter kontrovers diskutiert. Während das Gesundheitsministerium weiter dementiert, bisher über Alternativen zur jetzigen Praxisgebühr gesprochen zu haben, melden sich mittlerweile auch Befürworter einer weiteren drastischen Belastung der Patienten Hier eine kleine Zusammenfassungen der Meinungen:

Montag, 12. Dezember 2011

SoVD-Präsident Adolf Bauer fordert:
Wegfall der Praxisgebühr und Einführung der Bürgerversicherung

SoVD-Präsident Bauer fordert Wegfall
der Praxisgebühr und Einführung 
der Bürgerversicherung
Foto: SoVD
Den Wegfall der Praxisgebühr fordert der Präsident des Sozialverbands Deutschland SoVD, Adolf Bauer. Zur aktuellen Diskussion über das Thema erklärte Bauer, die Gebühr benachteilige insbesondere chronisch kranke, behinderte und ältere Menschen.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Politiker starten Versuchsballon in der BILD
Weitere schmerzhafte Griffe in die Patientenbörsen geplant
Erhöhungen der Praxisgebühren werden als "Reform" getarnt

Ist der Zehner pro Quartal schon bald
"patientenfreundliche" Vergangenheit?

Foto: Barmer GEK
Wenn im deutschen Gesundheitswesen von "Reform" die Rede ist, dann hat das meist nichts Gutes zu bedeuten - für die Patienten. Eine neuerdings von der schwarz-gelben Regierungskoalition angedeutete, dann erst mal wieder dementierte "Reform" der Praxisgebühr macht da keine Ausnahme. Arztbesuche werden wohl nach dieser "Reform" noch teurer werden - besonders hart treffen dürfte es die chronisch kranken Menschen.
Ausgerechnet über die BILD-Zeitung wurden die Gerüchte über die "Reform" gezielt verbreitet, mit der die schwarz-gelben Politiker offensichtlich die Kranken endlich wirksamer als bisher von Arztkonsultationen abhalten will. Angeblich, so ist zu hören, haben die bisherigen zehn EURO Praxisgebühr pro Quartal die Kranken nicht daran gehindert, zum Arzt zu gehen, wenn sie einen Arzt brauchen.

Im Gespräch sei eine Kontaktpauschale von fünf Euro, die die jetzige Quartalsgebühr von zehn Euro ersetzen könnte.

Der FDP-Gesundheitspolitiker Lars Lindemann sagte der BILD-Zeitung: "Wir werden Alternativen prüfen." Die jetzige Gebühr habe keinerlei steuernde Wirkung.

Lindemanns Koalitionskollege Johannes Singhammer von der CSU sagte dem Blatt, dass man eine "unbürokratischere, bessere Lösung finden" wolle. "Der Effekt, die Zahl der Arztbesuche zu dämpfen, ist mit der jetzigen Gebühr nicht erreicht worden."

Hinter verschlossenen Türen wird offenbar über eine "Kontaktgebühr" in Höhe von fünf EURO nachgedacht, die dann bei jedem Arztbesuch zu entrichten wäre an Stelle der derzeitigen vierteljährlichen 10-EURO-Praxisgebühr.

Der Essener Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem unterstützt die Überlegungen. "Fünf Euro pro Besuch macht mehr Sinn als die jetzige Gebühr", sagte er der Zeitung.

Der Kieler Gesundheitsökonom Dr. Thomas Drabinski ging sogar noch weiter und schlug eine Beteiligung der Patienten von zehn Prozent an den Behandlungskosten vor - mit einer Obergrenze von zehn Euro.

Auf den BILD-Bericht vom Sonnabend folgte ein halbherziges Dementi aus dem Gesundheitsministerium. Die Online-Ausgabe der "Ärzte Zeitung" berichtete am Wochendende, ein Sprecher von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) habe erklärt, dass die Überlegungen nicht aus dem Ministerium stammen.

Die Äußerungen der Regierungsparteien zum Thema sind ausgesprochen widersprüchlich Jüngst noch erklärte der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn: "Ich bin dafür, dass wir uns das Thema Praxisgebühr noch in dieser Legislaturperiode vornehmen."

Die Gebühr erfülle nicht ihre erwartete Steuerungswirkung, monierte er in der Wochenzeitung "Das Parlament". Gesundheitsexperten warnten allerdings davor, eine Praxisgebühr bei jedem Arztbesuch zu erheben. Damit treffe man vor allem chronisch kranke Patienten.

jos

chronischLEBEN-Kommentar:
Politiker-Dreh an der Preisschraube
bis die Kranken endlich krank zu Hause bleiben?


Noch ist nichts beschlossen - aber das "laute Nachdenken" in der BILD darf getrost nicht nur als "Versuchsballon", sondern auch als handfeste Drohung verstanden werden. Zehn EURO Praxisgebühr pro Quartal - das ist bereits jetzt eine Zumutung vor allem für chronisch kranke Menschen, die schicksalsbedingt auf die regelmäßige Konsultation von Ärzten angewiesen sind. Je nach Modellrechnung könnte sich das bereits im kommenden Jahr auf mindestens 15 EURO pro Quartal erhöhen - unter Umständen sogar auf ein Vielfaches.

Die Folgen für Menschen mit knappem Einkommen wären katastrophal: Sie könnten sich die Untersuchung und Behandlung durch einen Arzt nicht mehr leisten. Die längst praktizierte Zwei-Klassen-Medizin würde weiter verschärft. Ohne jede Polemik muss angenommen werden, dass nur noch wohlhabende Menschen sich Krankheit und angemessene Behandlung leisten können. Der Rest soll sehen, wo er bleibt.

Die bereits jetzt geltende Härteklausel löst das Problem nicht wirklich: Im allgemeinen gilt eine Höchstgrenze von zwei Prozent des Bruttojahreseinkommens für Zuzahlungen (zu denen die Praxisgebühr zählt. Wer als chronisch Kranker anerkannt ist, muss "nur" ein Prozent seines Jahreseinkommens zuzahlen. Zumindest bei Nicht-Chronikern häufen sich da schon gewaltige Summen an Zuzahlungen an.

Wirklich menschenverachtend ist aber vor allem die Absicht der Praxisgebühr: Die Politiker erklären - anscheinend ohne jegliches Anstandsgefühl, dass sie mit den Gebühren kranke Menschen vom Arztbesuch abhalten wollen - und offenbar gewillt sind, die Preisschraube so lange anzuziehen bis die Kranken endlich unbehandelt zu Hause bleiben.

Schlimm, wenn die Erhöhung der Praxisgebühr kommt. Am schlimmsten wäre es aber, wenn die Politik ihr Ziel erreichen würde, mit weiter erhöhtem Preisdruck Menschen von den ihnen zustehenden Arztbesuchen abzuhalten.

Norbert Jos Maas


Sonntag, 9. Oktober 2011

Abrücken von der eigentlich bevorzugten Widerspruchslösung
Transplantationsmediziner unterstützen jetzt auch
eine Entscheidungslösung im neuen Organspenderecht

In der laufenden Diskussion über die geplante Neuregelung des Organspenderechts haben sich jetzt noch einmal die Transplantationsmediziner zu Wort gemeldet. Nachdem die Spezialisten ursprünglich für die Widerspruchslösung gestimmt hatten, bezeichnete jetzt der Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG), Wolf Bechstein, die unter anderem auch fraktionsübergreifend von Bundestagsabgeordneten bevorzugte Entscheidungslösung als einen "Meilenstein".

Sonntag, 2. Oktober 2011

Hacker klauen Patienten-Datenbank in Österreich
Österreichs ELGA in der Datenschutz-Kritik
Breite Zustimmung für deutsche elektronische GesundheitsKarte

Fast "wie bestellt" kam einen Tag nach Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) in Deutschland aus dem Nachbarland Österreich die alarmierende Meldung, dass Hacker dort 600.000 Patientendaten geklaut haben. Während ein Standesvertreter der Ärzte in Österreich nun vor der dortigen "Elektronischen Gesundheitsakte ELGA warnt, hat in Deutschland Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar grünes Licht für die eGK gegeben (siehe cL-Bericht Elektronische Gesundheitskarte wird seit heute eingeführt)

Samstag, 1. Oktober 2011

Elektronische Gesundheitskarte wird seit heute eingeführt
Mit Foto - aber zunächst ohne medizinische Daten

Nach jahrelangen Verzögerungen kommt sie nun tatsächlich: Die elektronische Gesundheitskarte - kurz eGK. Seit heute (1. Oktober) beginnen die Krankenkassen mit der Ausgabe der neuen Karten, die bereits 2004 grundsätzlich beschlossen wurde.Jetzt bekommen die ersten Versichereten Post von ihrer Krankenversicherung. Sie sollen ein Foto einschicken, das auf die neue eGK kommt.